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31 Valle di Peccia: Froda, Zòta, Laiòzz, Coro, Taneda


Höhe: 1133 m
Dauer: 3:30 Stunden




Rivalitäten auf Schritt und Tritt

Auf dieser Wanderung buhlen Bergspitzen und Ortsnamen, Farben und Formen, Rückschau und Reminiszenz um die Bewunderung des Betrachters. Alles spielt sich vor dem Hintergrund der Stille ab, die durch die gelegentlich vernehmbaren Tierstimmen noch stärker ins Bewusstsein dringt und sich an mancher Stelle geradezu bildlich vor unseren Augen erschliesst: eine Tempera oder ein Aquarell des Schweigens.

Die Gipfel wetteifern um die Höhe (der Fornà da Sela scheint sich an einer vorbeiziehenden Wolke festzuklammern, um den Fornà da Matürell auszustechen); der Passo del Sasso Negro versucht sich im Farbenzauber von der Bocchetta del Passo Nero abzuheben, der seinerseits an den sagenumwobenen Lago Nero anklingt; der Granit stiehlt dem Marmor die Schau, muss sich dann aber dem Speckstein fügen, der getreu seiner geschichtlichen Rolle die Drehbänke auch künftig mit Arbeit versorgt und nach wie vor zu Kochtöpfen verarbeitet wird; die Lärchen halten sich mit triumphierendem Blick auf die Tannen an die Empfehlung von Martino Pedrazzini, der dem Tal im Jahre 1873 die Lärchen ans Herz legte, da diese gegen Tierbisse weit besser gefeit wären als die Tannen; die Weiden übertrumpfen einander, indem sie ihre jeweilige Blumenpracht unter Berufung auf den Botaniker Alberto Franzoni möglichst aufsehenerregend und ausgefallen in Szene setzen. Weder Hans Rudolf Schinz, den die Frauen des Lavizzaratals mit ihrem rosig- alabasternen Teint in ihren Bann zogen, noch Karl Viktor von Bonstetten, dem auffiel, dass sich die Sonne in Cortignello «weniger der Höhenlage als der steilen Wände wegen» drei Monate lang nicht blicken lässt, haben diesen Weg jemals unter die Füsse genommen. Dafür war Luigi Lavizzari im September 1848 lange im Valle di Peccia unterwegs und erwähnt in seinen «Wanderungen im Kanton Tessin» die Hütten der Alpe Froda «in einem riesigen, von nackten Steilhängen umgebenen Becken, unter denen sich saftig grüne Lärchenwälder erstrecken und die Trostlosigkeit einer gottverlassenen Einöde mildern».

Im oberen Valle di Peccia entdeckte Lavizzari ausserdem einen «ovalen See von rund hundertfünfzig Schritt Länge». Und es sind denn auch die Seen, die auf dieser Wanderung die Konfrontation am wenigsten scheuen und den Siegin althergebrachter Manier in einem meisterhaften Spiel mit Licht- und Farbeffekten, Zu- und Abflüssen, Windböen und Dämmerlicht zu erringen trachten.
Jeder einzelne dieser Seen, ob er nun am Weg oder fern am Horizont liegt, ob er vom Ufer oder aus der Höhe betrachtet wird, sich aus dem alles verwischenden Nebelmeer erhebt oder in der gleissenden Sonne schillert, lebt und präsentiert sich auf seine ureigene Weise: Der Zòta-See hat sich eine kristallklare Bucht ausgehöhlt, wo der gezackte Felsabhang des Cavallo del Toro auf den glattpolierten Hang der Alpe Bolla trifft, und möchte sich durch seine wie mit dem Zirkel gezogene Form und die unauffälligen Ufer von jenem See abheben, den Plinio Martini als wunderschön bezeichnete. (Man könnte meinen, der Rechtsanwalt und Dichter Emilio Rava habe seine Verse eigens zu seinem Lob geschrieben: «Fernes Wasser, klar und lieblich/eine Bucht vollkommen und rund.»)


Im Gegensatz dazu entrollt sich der Froda fast zum Trotz in seiner ganzen Ausdehnung als längster See des Tals. Allerdings begnügt er sich nicht mit diesem Rekord: Im Wasser schimmert, Schicht auf Schicht, eine reiche Palette von Schattierungen, Violett in der Tiefe, Himmelblau an der Oberfläche, und dazwischen Indigoblau - sie alle verschieben sich jedesmal, ohne ineinanderzufliessen, wenn sich vom 2864 m hohen Poncione di Braga Windstösse wie luftige Lawinen lösen und in die Tiefe rauschen.

Keiner der Seen des oberen Valle di Peccia kann jedoch den Trumpf des grössten der Laiòzz-Seen überbieten: eine Insel! Dem Geologen Filippo Bianconi zufolge macht ihm das auf dem ganzen Kantonsgebiet keiner nach - das stimmt allerdings nicht ganz, denn etliche Tessiner Bergseen können diese Karte ausspielen, wenn auch en miniature. Da ragt also wahrhaftig eine Insel mit ihren Klippen und ihrem Grün aus den tiefblauen Wassern empor, die wie zu einem farbigen Betonblock erstarrt den Eindruck erwecken, das Gewicht einer Insel tragen zu können, die im Kleinformat ein teils schuttübersätes, teils grasbewachsenes Ufer abbildet, das seinerseits die umgebende Landschaft mit ihren Grau- und Smaragdtönen nachzuahmen sucht. Auch die anderen Seen auf dieser Wanderung warten nur darauf, staunenden Auges entdeckt zu werden: Und der Wanderer fühlt nach der Bewältigung eines beschwerlichen Fussmarsches die innere Befriedigung und Erfüllung, die frisch und spritzig ist wie das Wasser des Bergbaches, dessen «Woge jubelnd sprudelt, lacht und tanzt im Sand und Stein der Fröhlichkeit», wie Eligio Pometta aus dem Lavizzaratal schrieb. (Ähnlich muss es auch Pericle Patocchi, der feinfühlige Dichter aus Peccia, empfunden haben, der 1941 in «Die Alpen» dichtete: «Dort oben ist Friede und ins Herz ergiesst sich der ganze Himmel wie ein ruhiger Fluss voll Melodie.»