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27 Canee


Höhe: 1427 m
Dauer: 4 Stunden


 

Vollkommene Schönheit

Bei gewissen Bergen ahnt man schon von weitem den See zu ihren Füssen, bei anderen dagegen schliesst man einen solchen von vornherein aus: so auch beim Pizzo di Claro, der in seiner geometrischen Stattlichkeit den Eindruck erweckt, er dulde neben seiner eigenen tadellosen, in Licht gehauenen Erscheinung keinen Widersacher, der ihm den Vergleich mit dem Matterhorn streitig machen könnte - ein Vergleich übrigens, gegen den der Mineraloge und Bergführer Carlo Taddei zu Felde zog, hielt er doch den Pizzo di Claro für "eine Pyramide, die aus der Ferne einem stark gebändigten Matterhorn gleichen mag".

Und doch ruht unter diesem Gipfel ein kleiner See, der gar zwei Namen (Canee und Visagno) trägt, als wollte er mit besonderem Nachdruck auf sein Mitwirken an einem Naturschauspiel pochen, bei dem seine Reflexe in jene Farbschimmer hineinfliessen, welche die Gebirgskuppen überfluten und auf den Berggraten entfliegen: ein See, der Fragen aufgab (seine Tiefe galt bis zur Auslotung im Jahre 1985 als vulkanisch, unergründlich, ja ausserordentlich gefährlich, denn es gab da einen Strudel, der sogar Kühe verschlang, deren eine, so will es der Volksmund, in Mailand auftauchte) und Sagen ins Leben rief (in "Strapaese" erzählt Plinio Savi von einem eifersüchtigen Burgvogt, den ein fatales Missverständnis zum Mord an der Mutter seiner jungen Braut trieb, so dass ihn die Wachen zur Strafe in einen Sack steckten und in den Canee warfen, wo er bei Sturm das "schwarze Haupt" und die drohenden Hände gen Himmel reckt).

Der Canee wird auch schlicht und einfach "Leghett", der See, genannt, als ob keinerlei Verwechslungsgefahr mit anderen Seen bestünde, und dieser Verzicht auf einen Namen drückt höchste Huldigung an einen einzigartigen Zauber aus: Luigi Lavizzari beschreibt dieses Wasser, das er in seiner Exkursion vom 7. und 8. August 1852 widriger Wetterbedingungen wegen nicht erreichen konnte, als "temperamentvoll" und Silvio Calloni, der "Ende August 1889" dort anlangte, fand es "still" und "von dunkler Blau-Grün-Schattierung", während Giuseppe Brenna in seinem Alpenführer von der "vollkommenen Schönheit" dieser "Welt rund um den Canee" schwärmt.

Wer diese "vollkommene Schönheit" bewundern und geniessen möchte, muss einen Fussmarsch von mehreren Stunden auf sich nehmen: die Wanderung zum Canee setzt eine gute körperliche Verfassung voraus; lang und beschwerlich ist der Weg, doch gerade deswegen erweist er einem zum Schluss die Genugtuung, die den Luganeser Anwalt Giovanni Airoldi überkam, als er 1892 den "Gipfel eines Berges" erklommen hatte: "Hier lab' ich meinen matten Geist/und mir scheint, ich sei erhaben". Erhaben beim Aufsteig zum Canee.

Erhaben angesichts der Weite der Landschaft und der Offenbarung der Sennhütten, die so alt sind wie der Fels, der sie schützt, erhaben angesichts der sonnengeplagten Lärchen, der Pfade, eingehauen in behende Schatten, und der Wildbäche, die einander zuplätschern.


Der Weg säumt lebenden Berg und verlassene Almen, einladend klingende Namen und üppige Weiden; Brunnen, die des Durstigen harren, und Berghütten, die dem Ermatteten Erquickung verheissen; Wolken, verfangen in den Wipfeln der Tannen, und Spuren vom körperlichen Tribut eines Aufstiegs, der Eindrücke wachruft, wie sie der Dichter Pericle Patocchi 1941 in Worte fasste: "Die reine Luft strömt in die Lunge und erquickt das Blut, die Sonne dringt in die Haut wie Balsam, und ins Herz ergiesst sich der ganze Zyklus wie ein ruhiger Strom, erfüllt von Melodie".

Erhaben aber vor allem beim Anblick des Canee. Erhaben angesichts dessen äusserem Gepräge und innerstem Wesen: Felsen streben zum Gipfel auf und bilden eine Reihe natürlicher Logen für all jene, die aus der Höhe dem Wechselspiel der Farben beiwohnen möchten; sein Wasser schlägt von Grün auf Violett und von Violett auf Blau um, und dann wieder auf Grün, und so bleibt es eine ganze Weile, gedrängt an eine Steinschranke, die bloss weicht, um es ablaufen zu lassen - und es scheint, als zwänge es sich vom Winde gepeitscht rascher durch die Felsspalte, die es selbst in die besitzergreifende Umklammerung des Granits gerissen hat: diese Stelle eignet sich besonders gut für Erinnerungsfotos von einer Wanderung, die der eisigen Wassertemperaturen wegen keinen Sprung in dieses Yeti- Bad ratsam erscheinen lässt. Felsen künden die Nähe des Canee an, und Felsen schweben balkonartig über seiner durchsichtigen Oberfläche, die seine Farben empfängt und sogleich in einem anderen Ton zurückwirft. Schatten engen ihn ein und drücken ihn nieder; die Sonne befreit ihn und streicht ihn glatt.

Die darüberliegenden Schluchten überzieht lange oder ewig währender Schnee, denn der Canee bleibt auch in der Blütezeit ein Bergsee, umringt von Blöcken, die sich in einiger Entfernung halten, um seine Ufer nicht zu verunstalten, und von Steinfeldern, die ganz besonders gleissen, wenn das Wasser sich in hartnäckige Finsternis hüllt - doch bald schon löst sich auch dieses Dunkel auf, und der Canee erstrahlt wieder im Licht; und so wird er auch jählings Kind oder Greis, Gut oder Böse, Ruhe oder Unrast im Bestreben, sein Bild und sein Temperament zu verändern. Grüne und gelbe Zeichen auf den Felsen, die dem Ufer talabwärts gegenüberliegen, lassen darauf schliessen, dass die Wasser des Canee hier vor ihrem Rückzug die unverwischbare Spur ihrer wechselhaften Farbintensität zurückgelassen haben; doch bisweilen bricht diese Intensität, wenn unvermittelt, ohne Schaum und ohne Glucksen, eine umrisslose Gestalt aus den Tiefen emportaucht.

Und nun begreift der Betrachter, weshalb die Sage für den mordenden Burgherrn aus Claro ausgerechnet diesen See auserkoren hat, der vom Gipfel des gleichnamigen Berges noch eine keineswegs geruhsame Fussstunde entfernt liegt; doch ist nach dieser Stunde der 2720 m-Gipfel bezwungen, so teilt man die Begeisterung von Giovan Battista Buzzi, der beim Anblick der gewaltigen Natur die Läuterung der Seele zu spüren vermeinte.