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21 Ravina und Prato


Höhe: 310 m
Dauer: 5 Stunden




Ein vertrauter Begleiter

Zu Beginn der Wanderung stösst man auf die Tümpel von Grasso di Lago und hat ein fast prähistorisches Bild vor Augen: Grünpflanzen, die unvergleichlich aus dem Grund aufsteigen und versunkenes Gras, das im ersten Sonnenlicht wie gefroren wirkt; zerbrochene, heruntergefallene Äste, unbeweglich wie urzeitliche Amphibien, die auf ihr Opfer lauern. Der Weg gleicht einem Korridor, dessen Fenster immer wieder den Blick auf die gegenüberliegende Talseite freigeben, wo inmitten grünen Laub-werks die Maiensässen auftauchen, jede mit ihrer ganz besonderen Farbe: die Farbe von Dächern und Feldern, von dichten Wäldern und zerklüfteten Abhängen.

Diese Bildausschnitte in wechselndem Licht prägen den Weg, der schliesslich in die grosse Mulde von Ravina mündet, deren Stille manchmal durch vorbeikommende Herden, durch Schreie und Hundegebell unterbrochen wird. Der Weidegrund, auf dem die Herden sich bewegen, verengt sich gegen den Berg hin, der glitzernd zur Alp hinunterführt. Man gelangt dann zu den Lärchen und kann sich in der erneuten Stille auf die Begegnung mit dem ersten See der Wanderung vorbereiten: den Ravinasee sollte man auf sich wirken lassen, ohne durch Rufe und Herdenglocken abgelenkt zu werden. Erst scheint er eintönig grau, doch dann enthüllt er nach und nach seine Farbtöne, als sei ihm die anfängliche Enttäuschung des Beobachters nicht entgangen. Man entdeckt grünes, durchsichtiges Gras; Pflanzen, die, ins Wasser projiziert, zu ganz andern Pflanzen werden und zarte, doch gleichzeitig grelle Chlorophyllschatten werfen; Steine, die, je nach Tiefe, eine eher graue oder weisse Nuance annehmen; Schnee, dessen reflektiertes Weiss in der klaren Kälte ohne Sommer länger anhält; Schatten, die sich auflösen und dabei ein dunkel schwebendes Farbelement bilden, das, wenn es von einem Lichtstrahl getroffen wird, zuckt, als sei es verletzt.

Dem Wind verdankt der Ravinasee seine besten Schauspiele: Das Wasser kräuselt sich dann zu märchenhaften Schmetterlingen, die dem Ufer zufliegen und, kurz bevor sie es erreichen und sterben, ihren letzten Silberwirbel vollführen (dieser Tanz wiederholt sich in regelmässigen Abständen, wobei der Wind es versteht, die beste optische Wirkung zu erzielen und je nachdem seine Richtung ändert: von Süden bläst er die quirligeren, von Norden die leuchtenderen Wasserschmetterlinge vor sich her). Doch selbst dem Wind gelingt es nicht, ein bisschen wirkliches Blau in den Ravinasee zu zaubern, der diese Farbe nicht zu kennen scheint, obwohl sie zu den Uferblumen passen würde.


Man hat fast den Eindruck, das Blau könne im See nicht atmen, es werde von anderen Farbtönen verdrängt oder es zeige sich absichtlich nur nachts als mondhelles Indigo, dessen Anblick allein den Sternen vorbehalten bleibt. Ein echtes Blau findet man erst im zweiten See, dem Prato. Auf dem Weg dazu leuchten farbenfrohe Blumenwiesen (die tropische Fülle gewisser üppig-greller Violettnuancen passt, je nach Jahreszeit, nicht so richtig zur Umgebung), und es bieten sich wunderschöne Ausblicke auf eine Mäanderebene, deren glasklarer Wasserlauf wie eine Leitung aus windungsreichen Kristallröhren wirkt (manchmal hört man das Wasser bergab rauschen, dann verstummt es und man meint, der in die Strömung eingebettete Grasteppich habe es aufgesogen; es fliesst und ist doch so reglos, dass man versucht ist, die Hand hineinzutauchen, um seine Bewegung zu spüren.

Der See hat - seinem Namen getreu - die Form einer konkaven Wiese, in der Grün und Blau dauernd um die Vorherrschaft kämpfen, sich um ein Inselchen schlingen, das dem Relief einer weltentrückten Insel gleicht und auf abgeschliffene Steine prallen, die wohl ursprünglich zum Bau einer einsamen Sennhütte bestimmt waren, bevor sie untergingen (ein Felsblock ist kurz vor dem Ufer stehengeblieben, als habe ihn der Pfiff eines Murmeltiers zurückgehalten, ebenfalls ins Wasser zu rollen und damit für immer die Harmonie und unberührte Schönheit des Prato zu zerstören, um die ihn der genau gegenüberliegende Ritomsee mit seiner Zementkrone nur beneiden kann).
Man muss noch ein Stück höher steigen, um das Blau des ländlich-sanften Prato zu verstehen, der nur dank der Gipfel ringsum als alpin gelten kann: es ist ein glattes, festes, metallisches Blau, das die strahlend zur Schau gestellte Intensität des Sees weniger vertraut erscheinen lässt, dafür aber die Feierlichkeit seiner Farben erhöht, die sich auch in einem Werbeplakat für die Schönheiten der Natur sehr gut ausnehmen würden. Herausgefordert, steigert sich das Grün rund um den Pratosee zu noch grösserer Kraft, und dieser Kontrast wird zum unvergesslichen Farbenschauspiel, das jedoch trotz des Widerstreits Frieden ausstrahlt, Frieden, der hier ein wunderbar vertrauter Begleiter ist, in dem sich, wie es ein Dichter ausdrückt, "Augenblicke und Jahrtausende" vereinen.