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20 Pero und Poma


Höhe: 890 m
Dauer: 5 Stunden




Seen und Farbenspiel

Bei dieser Wanderung sollte man es, jedenfalls am Anfang, mit der Ruhe nehmen, damit beim Aufstieg genügend Zeit bleibt, Bosco/Gurin zu bewundern: die Häuser und Ställe im grünen Kranz der Umgebung, die Architektur, die harmonische Verbindung von Steinquadern und Balken. Die Natur wechselt ihr Kleid nicht nur von Jahreszeit zu Jahreszeit, sondern von Minute zu Minute: Bald erstrahlt es, sonnenüberflutet, in hellem Glanz (und in der Luft spürt man förmlich den Hauch frisch aufgetragenen Lacks), bald überzieht es sich, überschattet, mit einem zarten Schimmer (der Lack scheint dann beim ersten Windstoss abzubröckeln und das dunkle Innere der Erde zu entblössen).
Unser Wanderweg führt über Wiesen hinauf in die Region der Erlen- und Nadelwälder, die sich zu weiten Lichtungen öffnen und den Blick auf Bosco freigeben: von hier oben gleicht die Siedlung manchen anderen Dörfern und doch hat sie etwas Unverwechselbares, Besonderes, das sich derErinnerung unauslöschlich einprägt und dabei ganz ohne die üblichen malerischen Klischees auskommt. Dann gelangt man an die Baumgrenze, und auf einmal stehen die nackten Felswände da, als ob sie schon lange gewartet hätten. Nun geht es steil bergan, und plötzlich öffnet sich die Landschaft zu unermesslicher Weite, so dass den Wanderer ein glückliches Gefühl der Verlorenheit überfällt. Als Wegweiser dient die "Wolfsstaffel" (Endra Staful), deren Name allerdings eher ins Reich der Märchen passt, als zu diesem friedlichen, verlassenen Ort.

Kurze Zeit darauf erreicht man die Hasenampfer-Wiesen der Usser Staful, die daran erinnern, dass hier einst eine Alp war. Man wandert weiter zwischen Alpenrosen, den "Bergschwestern" der Gartenrosen, wie der Dichter Giovanni Bertacchi sie nannte. Hier blühen die Rosen allerdings zwischen grossen Felsblöcken, die in keinem Garten Platz finden würden. Schliesslich taucht der Pero auf. Nach einer letzten Anstrengung kommt man nach wenigen Minuten zur Bocchetta di Orsalia und hat nun einen wunderschönen Blick auf den ganzen See, dessen Form tatsächlich einer Birne gleicht.
Die Farbe des Pero ist unvergleichlich. Wenn die Sonne an einem bestimmten Punkt des Himmels steht, ist das Wasser in der Mitte so tiefblau, als sei es über eine unsichtbare Kohleader geflossen. Diese Intensität kann auch der Nebel nicht gleich verwischen, wenn er den See einhüllt, dessen ständig wechselndes Farbenspiel in starkem Kontrast zur Reglosigkeit der umgebenden Berge steht.


Von der Bocchetta di Orsalia aus blickt man in eine Landschaft, in der eben erst ein Bergsturz niedergegangen zu sein scheint. Mitten darin liegt der Orsaliasee, dessen leuchtendes Dunkelblau dem Pero ernsthaft Konkurrenz macht. Im ersten Augenblick ist man geneigt, den Farbunterschied zu übersehen und eine gemeinsame Quelle zu vermuten, die beide Seen über unterirdische Kanäle speist, diesseits und jenseits des Kamms, der das Val di Bosco vom Val Calneggia trennt. Bei genauerem Hinsehen fallen aber doch Verschiedenheiten auf: Während der Pero in Ufernähe einen durchsichtigen geschwungenen Streifen hat, wird der Orsalia durch ein Silberband abgeschlossen, das auf einen tiefen, von spitzem Gletschergeröll ausgehöhlten Grund schliessen lässt. Grüne Farbtöne sucht man in den beiden Seen vergeblich; umso stärker leuchten sie dafür im Pomo, den man von der Bocchetta di Orsalia aus teilweise sieht und der vom Pero aus in kurzer Zeit zu erreichen ist.

Der Poma ändert seine Farben blitzschnell, so dass der Wanderer in diesem felsigen Belvedere ein fesselndes Schauspiel verfolgen kann: anfängliches Himmelblau geht dabei in Aschgrau über, darauf folgt Dunkelblau, das im grossen Schlussakt zu Violett wird und diese Nuance behält, bis sich nach der Dämmerung das Wasser des Bergsees glättet und einen schiefrigen Ton annimmt. Durch die Raschheit dieses chemischen Prozesses macht der Poma seinem topografische Namen "Schwarzsee" jeden Tag von neuem Ehre und lässt Pero und Orsalia hinter sich, als ob er zu einer anderen Zeitzone gehöre oder Durchsichtigkeit und Widerschein besonders leicht verliere. Auf dem Rückweg Richtung Grossalp erreicht die majestätische Szenerie ihren Höhepunkt, und man ist überwältigt vom abendlichen Zauber der Bergwelt; Bosco verliert sich zuerst in dieser Erhabenheit, doch beim Näherkommen enthüllt es immer mehr seine Heimeligkeit und weckt Erinnerungen Arminio Janners aus dem Jahre 1938: "In den Rand des Kochherds ist oft eine runde Vertiefung eingelassen, die früher dazu diente, das harte Brot mit dem Schlegel zu zertrümmern. Die harten, bis zu einem Monat alten Brocken, musste man allerdings erst einige Minuten lang im Mund aufweichen, bevor man sie kauen konnte. Wenn ich daran zurückdenke, spüre ich immer noch den typisch säuerlichen Geschmack auf der Zunge".