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16 Scai, Segna, Campanitt


Höhe: 677 m
Dauer: 5 Stunden




Zwischen Blumen und Spiegelungen

1884 schrieb Luigi Colombi, dass man von Santa Maria aus über einen einfachen Weg, den sogenannten Passo dell'Uomo in die wunderschöne Piora-Mulde gelangt. Seit damals haben sich etliche Dinge am Lukmanier geändert. Aus dem Weg wurde eine Strasse, zuerst erdig, dann steinig (und es scheint, als seien sämtliche Steine aus dem Val Termine für ihren Bau herbeigeschleppt worden).
Das den Weg säumende Weideland fiel der Wasserkraft zum Opfer, die auch den Hochspannungsmast mitten im Stausee von Santa Maria, der sich wohl für eine geschmückte Fahne hält, auf dem Gewissen hat. Verlässt man jedoch beim Schild, das den Passo dell'Uomo ankündigt, den Weg und steigt links einen grasbewachsenen Abhang zum Scai-See hinauf, fühlt man sich in die Zeiten Colombis zurückversetzt. Es scheint, als fände man dort dieselbe Landschaft von damals vor und als erreichten uns Colombis eigene Eindrücke angesichts dieser unendlichen Weite;

sie kann wohl unmöglich vom Scai widerspiegelt werden, der hart darum ringt, nicht als elendigliche Pfütze enden zu müssen, als eine Art Biotop mit quakenden Fröschen anstelle der Fische, mit Sumpfgräsern statt schillerndem Wasser, das von der Abenddämmerung weggetragen wird, mit dem Schlamm, der gegen die Wasseroberfläche strebt, als müsse er nach Luft ringen und erst dort bemerkt, dass sie ihm gar nicht bekommt, und enttäuscht wieder untertaucht, um weiterhin von Wasser zu leben. Der Scai erscheint im Lichte seines Grundes, auf dem man Spuren wie jener herumstreunender, sich der nächtlichen Waschung widmender Dinosaurier gewahr wird. Um überleben zu können, ist der See auf das Wasser der Felsen angewiesen, und die umliegenden Bergrücken gebieten ihrer Wellenbewegung Einhalt, um ihn nicht zu füllen und damit zu zerstören.

Am Passo dell'Uomo wird diese Bewegung noch weiter und ausgeprägter. Er ist ein genügsamer Pass, der nicht den Anspruch erhebt, eine Grenze zu bilden (das Wasser scheidet sich nach beiden Seiten, und wenn es so in die Tiefe plätschert, erinnert es an zwei mit Frohmut aufbrechende Wanderer).
Auch dem kleinen Segna-See ist kein einfaches Leben vergönnt (ebensowenig dem folgenden am Piano dei Porci): Zum einen bedrängt ihn das Gras aus allen Richtungen, um von ihm Besitz zu ergreifen und seinem sandfarbenen Grund einen grünen Anstrich zu verleihen. An einem Ufer ist er denn tatsächlich auch schon zum Sumpf geworden, ein idealer Nährboden für die wunderschönen schmetterlingsähnlichen Blumen, die leicht wie Seifenblasen auf den sonnenerleuchteten Stielen sitzen).


Zum anderen wird der Segna von der Sonne in die Irre geführt. Diese lässt ihn nämlich ausserordentlich tief erscheinen, während er im Schatten und aus der Höhe betrachtet an einen dunklen Weidefleck erinnert. Ganz anders der Campanitt-See, dessen Wasser weit mehr als nur über das Gras schleicht, fällt es ihm doch dank der reichlichen Zuflüsse ganz und gar nicht schwer, sein Becken stets mit tiefem Blau zu füllen. Er liegt unterhalb des Pizzo Colombe völlig überraschend da, wie ein Geschenk, eine Verheissung (was er auch seiner Position verdankt, denn steigt man von Piora empor, liegt er plötzlich auf Augenhöhe vor einem, und man hat den Eindruck, als müsse das Wasser, wirft man nur einen einzigen Stein hinein, über die Ufer treten, sich über die Weiden ergiessen und diese mit einem neuen Farbabstrich versehen).

Der Campanitt hat seinen eigenen Strand (der Sand hat die Farbe des Nebels und scheint von einem Windstoss herbeigetragen worden zu sein) und einen eigenen, teils grasbewachsenen, teils felsigen kleinen Bergrücken (absichtlich hingestellt, um die Spiegelungskraft eines Bergsees unter Beweis zu stellen; man möchte sogar den ganzen Pizzo Colombe darin widerspiegelt sehen, von dem Guido Bolla 1929 schrieb, es handle sich um eine charakteristische weisse Kalktuffmasse, die mit ihren imposanten, gegen den blauen Himmel abstechenden Felsnadeln an eine gotische Kathedrale erinnert, in welcher der Allmächtige persönlich seinen Gottesdienst zelebriert). Bei bestimmtem Licht erscheint der Pizzo Colombe aus Kork geschaffen: eine Arbeit grenzenloser Geduld, bei der erfunden, hinzugefügt, weggenommen, gefeilt, zugespitzt wurde, und deren Ergebnis das vollendete Werk eines verzauberten Berges ist. Magisch sind allerdings auch die Karsterscheinungen auf dem Abstieg ins Valle di Santa Maria, gewisse mit Wasser gefüllte Löcher, welche die Höhlen amphibischer Murmeltiere sein könnten, sowie unvermittelt verschwindende Bäche, die in einen Hinterhalt geraten zu sein scheinen (kurz darauf treten sie gestärkt wieder ans Tageslicht).

Das mysteriöseste und zauberhafteste Naturschauspiel bietet jedoch Pertusio: Der Brenno entspringt dort aus einem tiefen Felsenloch und macht die ersten Gehversuche über ein goldig glänzendes Kiesbett; es scheint, als sei dieses Gold vom Wasser hierher gebracht und als Dank für das wundervolle Geschenk des erlangten Lichtes hinterlegt worden.