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13 Antabia


Höhe: 1251 m
Dauer: 4 Stunden


 

Wechselspiel der Farben

Gemächlich und im Schatten beginnt der Weg zu steigen und verspricht eine angenehm kühle Wanderung. Doch bald treten die schattenspendenden Bäume immer vereinzelter auf, bis schliesslich ein Rhododendron endgültig die nackte Berglandschaft ankündigt. Der steinerne Weg macht einer hässlichen Stahltreppe Platz, und von weit unten scheinen Kirche und Häuser von San Carlo dem Wanderer in Erinnerung rufen zu wollen, dass er im Begriff ist, das letzte Dorf hinter sich zu lassen. Danach werden ihm nur noch Alphütten, steil abfallende Felswände und in Reih und Glied über den Schluchten stehende Lärchen begegnen. Sodann führt der Weg an einem glatten Felsblock vorbei, auf den die Zeit ihre Flecken gemalt und das eingetrocknete Wasser eigenartige Hieroglyphen hinterlassen hat. Es scheint unmöglich, dass sich der schmale Weg danach zu einer weiten Landschaft öffnet - wie wenn er dem Wanderer diesen heimlichen Wunsch von den Augen abgelesen hätte -, wo auf Felsblöcken das Gras spriesst, Blumen blühen und im Hintergrund ein Teil des Corte Grande der Alp Antabia zu erkennen ist.

Die Alp erwächst aus einem Erdbuckel genauso wie der Mond, der sich beim Aufgehen langsam unter die Sterne reiht. Zwischen den Berghütten stehen auf einem tristen und verlassenen kleinen Platz verlassene Schafe herum, während die braunen Steinblöcke, denen man hier und dort begegnet, wie Ziegen aussehen, die unbeweglich dastehend die Vorbeiziehenden neugierig mustern. Nach und nach verschwinden allerdings auch diese Steine, und eine unendlich weite Ebene tut sich in ihrer ganzen Schönheit auf, der Piano delle Creste. Das spärlich fliessende Wasser windet sich nur zögernd durch die Landschaft, bevor es in eine natürliche Rinne fliesst, die ihm seinen Lebensgeist, seine Stimme zurückgibt - eine zarte, wohlklingende und melodische Stimme mit Höhen und Tiefen, Pausen und Ausrufen.
Auf der anderen Seite der Ebene führt, vom Bach etwas ausgewaschen, eine Erhebung bis hin zur Berghütte, einem typischen Tessiner "rustico" mit einem Holzbrunnen, in dem das Wasser einmal fliesst, einmal stehen zu bleiben scheint, wie wenn es der Brunnen stückweise von der Quelle herbeitragen würde. Allerdings ist vor lauter Wasser die eigentliche Quelle gar nicht genau auszumachen: Ist es diejenige der Flüsse, der Bäche oder gar der Antabia-Seen, die in einer von Bergkämmen umzäunten Mulde liegen?


Beim ersten See gewinnt man den Eindruck, durch ihn hindurch zu spazieren - so nah auf Augenhöhe liegt er - und dabei seine Oberfläche, eine grüne Scheibe auf dem untiefen Seebecken, zu durchbrechen. Grün, aber in mehreren Abstufungen ist auch die in den See hineinwachsende Halbinsel und sind die vereinzelten Inselchen, die riesigen Seerosen gleichen, die jeden Morgen von neuem auftauchen. Um den zweiten, höher gelegenen Antabia liegen rundherum Steinhaufen, die sich im Wasser zu regelrechten Wänden verflüssigen und, nachdem sie den Grund des Seebeckens berührt haben, auf der anderen Uferseite wieder gegen den Himmel emporsteigen und damit das "Amphitheater", das den See umschliesst, vervollständigen.

Vom Pizzo Sologna stürzt der Fels steil zum Antabia hinunter, der ihn unwillkürlich aufhält, und bildet mit diesem eine feierlich-stille Szenerie. Der grosse Antabia ändert seine Farbe ständig, plötzlich, und mit viel Phantasie. Ohne den geringsten Schatten einer Wolke verändert er sich schlagartig, mischt Wind mit Nebel, Blumen mit Schnee, Granit mit Erde und färbt sich mit blaugrauen Silbertönen. Bei seinem Farbenspiel gibt er einmal dem Indigoblau (spricht nicht etwa Giuseppe Zoppi von einem "türkisfarbenen, einer Enzianwiese gleichenden See"?), einmal sanften Pastellfarben (fand nicht etwa Giovanni Bertacchi im Engadin Seen, "befriedigt darüber, dass sich in ihnen Wälder und Gletscher spiegeln"?) den Vorzug.

Ein Schauspiel, das von oben betrachtet werden muss: Tatsächlich können die beiden Antabia-Seen, die sich in ihrem Zauber gegenseitig konkurrenzieren, von der Furka aus am besten bewundert werden. Ihnen beiden ist dabei nicht bewusst, dass sie nur gemeinsam den schönsten aller Tessiner Bergseen (Beurteilung des Geologen Filippo Bianconi) darstellen. Während der grössere, wenn der erste Schatten auf ihn fällt, auf der noch unbeschatteten Seite einen in seinem Funkeln unvergleichlichen, intensiven und doch transparenten Farbton annimmt, wirkt der kleinere in der Morgendämmerung wie ein Netz, das während der Nacht fischähnliche Flecken gefangen hat.
Erst wenn man die beiden Seen miteinander vergleicht und sie eins werden lässt, bemerkt man zwischen ihnen etwas wie einen Anfang (oder ein Ende) eines dritten Sees, dessen Wasser farblich an den Basodino erinnert.