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12 Zwischen Piora und Cadlimo


Höhe: 1000 m
Dauer: 6 Stunden




"Ausflug zu den Wunderblumen"

Die Wanderung zu den verschiedenen Seen zwischen Piora und der Val Cadlimo führt zuerst am Ritom vorbei, dessen - laut einer Beschreibung aus dem Jahre 1876 - nackter und lebloser Anblick ein Mitglied des italienischen Alpenclubs seinerzeit mit tiefer Trauer erfüllte. Genau ein Jahr später lobpries Bartolomeo Varenna, Advokat und Dichter aus Locarno, die Schönheit der Gegend.
Einerseits Trauer und Bestürzung also und anderseits Elogen. Nun liegt der Zauber eines Sees denn auch tatsächlich darin, die verschiedensten Stimmungen zu vermitteln und die gegensätzlichsten Eindrücke zu hinterlassen. Selbst dem Wasserkraftwerk ist es nicht gelungen, den See seines "südlichen Liebreizes" - wie Edoardo Platzhoff-Lejeune 1911 in "La Suisse Italienne" schrieb - zu berauben.

Um jedoch den wahren Zauber eines Bergsees zu erleben, muss man vom Ritom weiter zum Cadagno spazieren, bei dem sich die Grenze zwischen See und Wiese zu einem grün-blauen Band verwischt. Die Weide scheint, sich verlängernd, auf der Wasseroberfläche zu schwimmen und mit ihr eins zu werden. Das weiche Grün mischt sich mit dem starken Blau zu einer einzigartigen Farbe, die - aus der Höhe betrachtet - ganz frisch aufgetragen wirkt und die tief über den See hinwegfliegenden Vögel, die Stimme der Berge, Wind und Schatten einfärbt. Je höher man steigt, desto mehr öffnet sich die Alp, und es scheint, als müsse sie hoch oben bei den Bergkämmen jeden Augenblick "über die Ufer treten". Gelangt man zum di Dentro, gewinnt man den Eindruck, er sei bereits überschwemmt worden und das Wasser habe bei seinem Rückzug Spuren hinterlassen: Die Felswände sind hier weniger schroff, und das Gras spriesst auf ihnen in leuchtender Transparenz. Die Steine hingegen leben im Wasser. Sie sind gross und flach, dass man meinen könnte, sie seien von Riesen zum Titschern verwendet worden.

Ein Spiel, das im Miniera-See undenkbar wäre. Er ist klein und will mit einer Perle verglichen sein, der die plötzliche Tiefe amethystähnliche Reflexe verleiht. Entdeckt man ein seltenes Funkeln auf seiner Oberfläche, schreibt man es unwillkürlich den Silbervorkommen der Gegend zu; sei dies ein aufgetauchter Silbersplitter, ein von der Sonne beleuchteter Wassertropfen oder ein im Nebel hängen gebliebenes Sandkorn, das sich an den schräg ins Wasser hineinragenden Steinplatten festhält. Und wieder denkt man bei diesem Anblick an Riesen, welche die Platten dem Ufer entlang ins Seebecken gestellt haben, damit das Wasser nicht ausläuft, und sie danach als Waschbretter benutzten.


Der Stabbio scheint jeden Moment in die Tiefe stürzen zu wollen. Man hat noch das vorherige Bild der wie in einer Mondlandschaft verstreuten und zur Existenz einfacher Pfützen verurteilter Seen in Erinnerung, und so erscheint die Vorstellung des auf den Cadagno hinunterstürzenden Stabbio noch viel eindrucksvoller.
Der Isra hingegen gibt sich ohne Aufsehen zu erregen dem Medelser Rhein hin, der ihn seiner Farbe beraubt, von der Jules Michelet sagte, die Schwezer Seen seien die Augen der Schweiz, und ihr Blau sei ein zweiter Himmel.
Auch im Scuro spiegelt sich - seines Namens ungedenk - ein unverkennbares Licht, in dem sich gegen das Ufer hin weisse Steine wie tote Fische abzeichnen. Zwei andere kleine Seen scheinen bereit, ihn mit ihrem Wasser zu speisen, sollte er seine winzigkleine Insel, gerade ausreichend für die Krallen eines erschöpften Adlers oder den Hüpfer einer erschreckten Forelle, zudecken wollen.

Entlang dem Weg begegnet man dann wieder dem Grün des Wanderbeginns, das sich aufgelöst auch in den Taneda-Seen findet, von deren tiefstem Blau ein Bach wegfliesst und die weiter unten liegende Wiese mit ihrem unendlichen Pflanzenreichtum besprengt. Diese einzigartige Flora verleiht der Wanderung wohl mit Recht den Namen "Ausflug zu den Wunderblumen", ein Ausflug, bei dem man immer wieder Neues entdeckt und beobachtet, vergleicht und Unterschiede feststellt, betrachtet und befürchtet, dem Auge könne irgendetwas von dieser Schönheit entgehen.
Der Abfluss des Tom hält sich versteckt, denn er will das gemächliche Treiben des Sees mit seinem südlichen, mit feinstem, weiss leuchtendem Sand bedeckten Ufer nicht zerstören; diesem seit Jahrhunderten dort liegendem Sand wird es wohl kaum jemals gelingen, das breite Seebecken des Tom völlig auszufüllen.

Dann ereicht man wieder den Ritom, von dem Ermengildo Pini im achtzehnten Jahrhundert schrieb, dass auch sein Wasser und dasjenige des Tom als Quelle des Ticino zu betrachten sind. Konnte Pini wohl auf seiner Wanderung das traumhafte Bild mehrerer Seen zugleich gewahren? Wenn ja, muss er sich dabei wohl nicht mehr nur als neugieriger Wissenschaftler, sondern als zufriedener Dichter gefühlt haben und wie Leone De Stoppani, der Piora 1866 beschrieb, zufrieden mit dem Leben gewesen sein.