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10 Sfille


Höhe: 624 m
Dauer: 2:45 Stunden




Die Farbe als Wahrzeichen

Schon beim ersten Ausblick ist dem Wanderer klar, weshalb die Karten und der Volksmund ihn schlicht und einfach "See" nennen. Dank seiner Farbe ist er das, was andere Alpenseen gerne sein möchten: ein Paradebeispiel, ein Symbol, eine Vorführung. Das besondere Kennzeichen, das eigentliche Wahrzeichen des Sfille-Sees ist in der Tat seine Farbe, die auf augenfällige und eindrückliche Art und Weise all die chromatischen Möglichkeiten des Wassers aufzeigt und darlegt, wie intensiv blau es dort oben sein kann. Dieses Blau ist tiefblau, aber es wechselt ständig, nimmt unterschiedliche aber dennoch selbständige Tönungen an. Der Sfille gleicht somit einem wohl versunkenen, nicht aber erloschenen Vulkan, der anstatt Lava Farbtöne ausspeit, die im Wasser schweben und langsam an die Oberfläche kommen. Manchmal hingegen scheint die Luft, die hier schon Wind ist, die Farben zu sammeln, sie auszuwählen und auf die Wasserfläche zu wehen, wo sie dann schön langsam auf den Grund sinken.

Rund um den See bildet der Fels Stufen; sie scheinen absichtlich angelegt worden zu sein, damit die Wanderer, wie in einem Amphitheater, dem Naturschauspiel beiwohnen können. Es beginnt dort, wo das Wasser glasklar aus dem See herausfliesst, und die Steine und Baumstämme ihre Geschichte erzählen. Es geht weiter, wo sich in der Tiefe des Sees bewegliche Farbflecke ausbreiten, als wollten sie sich auch über die Ufer ergiessen, an denen sich die Lärchen ins Wasser beugen, wie wenn sie sich darin spiegeln oder daraus trinken wollten. Die ganze Wanderung scheint überhaupt darauf angelegt zu sein, dieses Schauspiel noch deutlicher hervorzuheben: Zuerst findet man das Weiss des Flusses und das Grün der Wasserlöcher, dann das noch dunklere Grün der Tannenspitzen, danach das Grau der Felsen, die den Weg weisen und schliesslich das Rot der Alpenrosen, das beim Aufstieg immer intensiver wird.

Wenn man, nach einem engen Durchgang, den See plötzlich erreicht, offenbart sich sein Blau in einer solch jubelnden Lebhaftigkeit, dass alle anderen Farben ringsum übertönt und zurückgedrängt werden. Auch der kleine Weidegrund am Ende des Sees scheint nur als Attraktion für Gemsen angelegt worden zu sein. Der Fels reicht an einer Stelle bis an den See, und es scheint, als ob die Gesteinsschichten eine nach der anderen hineingleiten wollten.
Nur wenn man den See von mehreren Standpunkten aus betrachtet, kann man all seine verschiedenen Färbungen beobachten, die ihn zu etwas ganz Besonderem machen. Vom Ufer aus betrachtet ist die Farbe glatt und leuchtend, und wenn die Sonne scheint, weitet sich das ganze Gebiet, als atme es strahlend. Von oben betrachtet erblickt man das Blau in viele ungleichmässige Flecke unterteilt, wovon ein jeder durch einen blinkenden Strahl oder einen darauf ruhenden Schatten gekennzeichnet ist.


Der See zeigt sich zu jeder Stunde in einem anderen Blau, so dass man fast seine Uhr danach richten könnte. Es gibt die Stunde, in der das Licht das Wasser sucht und wie in einer heiligen Handlung lautlos versinkt. Das ist der wunderbare Augenblick des Sonnenaufgangs, in dem sich die Welt jedesmal wie neu offenbart. Dann gibt es die Stunde, in der dieses Licht wie eine aufgelöste schwebende Substanz wieder emportaucht, ein Glitzern, das nur manchmal von einem schnellen Blitzen durchbrochen wird, und schliesslich kommt die Stunde, in der sich das Licht zurückzieht und der Eindruck entsteht, als ob der See Meter um Meter austrockne und auf dem Grund anstelle des Glitzerns ein glänzendes Edelmetall frei werde.

In jedem einzelnen Augenblick bietet die Farbe des Sees ihre bezaubernde Vorstellung: es erscheint ein reines Blau, das abgelöst wird von einem violetten Blau oder auch Himmelblau. Wenn dann der Abend kommt, vermischen sich alle Farben, es kommt noch eine Tönung hinzu, und es entsteht eine neue Farbe, die nicht näher bestimmt werden kann, die nur als solche bewundert und in Erinnerung behalten werden sollte. In dieser Farbe liegt das kostbare Geheimnis eines Bergsees, der sich nicht damit zufrieden gibt, wie Arnoldo Bettelini in seinen "Colloqui" schreibt: "dem Himmel das Blau zu entwenden".

Beim Aufstieg zum See stösst man auf einige seltsame Erscheinungen. An einer Stelle fliesst das Wasser so heftig über den Felsen in die Tiefe, dass man das abschleifende Geräusch der Korrosion zu hören vermeint. An einer anderen Stelle des Weges trifft man auf einen Baum, der halb Lärche und halb Eberesche ist, und man verweilt unwillkürlich eine Zeitlang dort. Man kann auch beobachten, wie die Kühe beim Durchwaten der Rovana in der Mitte stehenbleiben, als ob das eiskalte Gras sie erstarren liesse.
Das Aussergewöhnlichste und Wunderbarste ist jedoch die Farbe des Sees, dessen Wasser, so blau wie es ist, auch eine geheimnisvolle Mischung aus Enzian sein könnte.