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09 Tomeo


Höhe: 1036 m
Dauer: 3 Stunden




Die Farbe der Tiefe

Am Eingang zum Val Tomè sieht man auf Broglio mit seinem Kirchturm hinab, der es nicht geschafft hat, die verstreut liegenden Häuser des Dorfes um sich zu scharen. Längs des Wanderweges werden die Steine nach und nach zu Felsbrocken und je grösser sie sind, desto enger ist das Tal, das am gegenüberliegenden Hang weniger steil und manchmal sogar lieblich ansteigt. Dann erreicht man die Felsregion, und das Tal verengt sich noch mehr. Das Wasser fliesst über den weissen Felsen und sieht gelblich aus, als käme es von einem anderen Planeten. Auf beiden Talseiten sinken die Berggrate, werden niedriger: die Wolken drücken sie herab. Die Bäume auf der gegenüberliegenden Seite verfolgen das Schauspiel der Sonne, die die Schatten verscheucht und in das Gestein eindringt, um es zu verjüngen.
Kurz darauf erreicht man einen engen Felsdurchgang, der ständig berieselt wird. Man hat das Gefühl, das Tal nähme absichtlich Schwierigkeiten zu Hilfe, um den Zugang zum oberen Teil zu erschweren, und so seine Einsamkeit zu verteidigen. Nun versteht man, dass die lieblichen Flecken im ersten Stück der Wanderung nur dazu dienten, die klare Absicht zu verdeutlichen, dass das Tal weiter oben in Frieden gelassen werden will.
Bei der Alphütte von Corte Grande erweitert sich das Blickfeld: Der Wanderer schaut in die Runde und fragt sich, wo wohl der See liegen könnte, und entdeckt ihn dann plötzlich viele Meter weiter unten. Der erste Gedanke ist, dass man einen falschen Weg eingeschlagen hat und zu weit aufgestiegen ist. Doch der Tomeo-See mit seinem stolzen, eigenwilligen Charakter will dem Wanderer die Möglichkeit bieten, ihn von oben auf einmal und in seiner ganzen Grösse zu erblicken, damit keine Widersprüche entstehen, wenn er aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird. Es ist nicht ganz leicht, an den See zu gelangen. Auch hier erkennt man im Fehlen von geeigneten Wegen die verächtliche Abneigung des Ortes gegenüber all denen, die durch ihr Eindringen den Frieden stören. Der See zeigt sich fast verschlossen und ablehnend, als fürchte er mehr die heuchlerischen Schmeicheleien der Bewunderer als den sauren Regen. Man staunt über die kräftige violette Farbe, die den See sehr tief erscheinen lässt, so dass er ohne ein Überlaufen befürchten zu müssen, Erdstürze und Lawinen schlucken kann. Die Sonne zeigt sich kühl: so oft und ohne Erfolg hat sie versucht, das Wasser zu erwärmen. Liegt der See im Schatten, wandelt sich seine Farbe sogleich von Violett in Schwarz, und auch die Forellen scheinen die gleiche Farbe anzunehmen. Sie sind traurig wie die Lärchen, die sich an die Abhänge klammern, und die auch im Sommer jederzeit den Stoss eines Schneebretts oder einzelner Felsbrocken befürchten müssen und riskieren für immer im See zu verschwinden.


Der See verdunkelt auch das, was normalerweise leuchtet, und sogar der strahlendste Sommertag bekommt etwas Gewitterhaftes. So werden die Federwolken zu Haufenwolken, das Tageslicht nimmt ab, und empfiehlt vor allem denen eine frühzeitige Heimkehr, die immer noch, wenn schon nicht auf ein Zeichen der Ergebenheit, so doch der Freundschaft hoffen, auf eine Geste, die die harte Schale aufbrechen könnte und zeigen würde, dass sich auch der Tomeo-See manchmal gewinnend zeigen kann. In der Ferne hört man das Rauschen der Zuflüsse, wenn das Wasser von einer Felsterrasse herunterfällt. Die Wasserläufe verlieren sich zwischen den grasbewachsenen Steinhalden, die den hungrigen Gemsen im Frühjahr das erste frische Grün bieten.
Auf der Felsterrasse könnte sehr gut noch ein weiterer See liegen, einer, der im Gegensatz zum Tomeo-See vielleicht himmelblau und voller Leben wäre. Die Berggipfel ringsherum schicken das Echo zurück, ein Laut, schwermütig wie die Natur um den See, die selbst wenn sie in Blüte steht, nicht fröhlich ist.
Beim Verlassen des Sees ist der Bach stumm, als wolle er ein Geheimnis hüten, das der See ihm anvertraut hat. Das Geheimnis eines Sees, von dem Augusto Ugo Tarabori schrieb: "Dieses ist kein gezähmter und für den Fremden herausgeputzter See, hier oben weht ein tragischer Sinn des Lebens".