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07 Retico


Höhe: 652 m
Dauer: 3 Stunden




Eine Gletscher-Geschichte

Der Retico-See erweckt beim ersten Anblick den Eindruck einer Mondlandschaft: seine Farbe trifft die noch an das Grün gewöhnten Augen hart. Beim Aufstieg wechselt dieses Grün, den Höhenstufen folgend, von hell zu dunkel, und dazwischen liegt eine ganze Palette von unbestimmbaren und doch klar abgegrenzten Farbtönen. Alles zusammen bildet eine topografische Farbenskala, und aus der Ferne gesehen erscheinen die vielen Schneeflecken wie von der Sonne als Wegweiser an den Pfad gesetzte Kristalle.
Noch bevor man den See erreicht, trifft man auf Wasserlachen, in denen ein lebhaftes und zugleich unbewegliches Licht eingefroren ist. Es ist, als würde man sich auf einem soeben herabgestürzten, aber deswegen nicht weniger alten Stein befinden. Seine Gegenwart bezeugen Zeichen aus lange vergangenen Zeiten, die dort oben einem Wind zu vergleichen sind, der leicht und leise nagend über die Felsen streift, und einen Stein nach dem anderen in steile Abgründe, funkelnde Zinnen oder glatte Flächen verwandelt. Dieses Schauspiel, das einem strengen Wechsel von Herbheit und Sanftheit folgt, lässt die geologische Vergangenheit des Sees vergessen. Der besinnliche Wanderer denkt eher an eine Mondlandschaft, vor allem, wenn hier auf 2372 m Höhe der Winter noch nicht vergangen ist oder schon wieder begonnen hat. Die Vergangenheit des Sees ist eine Geschichte von Zeitabschnitten, von Gletschern, Wasserfällen und Verwitterungen. Wenn diese Vergangenheit aber, wie hier, noch greifbare Wirklichkeit ist, wird durch sie unsere Fantasie angeregt; sie lässt uns die schleifende, langsam abtragende Bewegung der Gletscher hören, wie sie riesigen Lindwürmern gleich über Fels und Stein gleiten, die unter dem enormen Gewicht knarren und knirschen, sie zeigt uns, wie der Fels unter dem Gewicht langsam nachgibt und sich eine Mulde öffnet, die später einmal den See aufnehmen wird, von Bächen gespeist, die man zwar hören, aber nicht sehen kann.
Diese unsichtbaren Zuflüsse lassen den See noch geheimnisvoller erscheinen.


Er friert leicht zu, beinahe absichtlich, um seine Tiefe zu verbergen, in der das Blau des Himmels sofort hinuntersinkt und so auf dem Seegrund das Grau der unzähligen Steine noch intensiver werden lässt. Beim Anblick ihrer Vielzahl fragt man sich, ob sie seit jeher dort liegen, oder ob sie dorthin gefallen sind, dabei die Wasserspiegelungen durchbrachen, und die Wolkenschatten mit Wellen überrollten. Schatten, die auf dem See wandern, als ob sie sich darauf niederlassen wollten, es sich im letzten Moment jedoch anders überlegen, wohl aus Achtung vor einem Ort, der auch Mosè Bertoni tief beeindruckt hat: "Der ungewöhnliche Anblick und die Grabesstille der Natur lassen die Landschaft in ihrer Gesamtheit so feierlich und traurig zugleich erscheinen, dass sie in der Seele einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt". Nur an einem Ufer spiegelt sich das Gras im See. Es steht für sich allein und abgesondert da, als wolle es mit dem Geröll nichts zu tun haben, und möchte uns glauben machen, schon vor den Steinen dagewesen zu sein. Schaut man vom Cristallina-Pass herunter, der sich nur wenige Meter über den Ufern öffnet, lädt dieses Gras von der anderen Seite den Wanderer ein, noch ein weiteres Gebiet zu entdecken, und dem Bach zu folgen, der ungebändigt und unbeschwert zu Tale fliesst. Im Gegensatz dazu erblickt man jenseits des Tals die Staumauer des Luzzone-Sees und die riesige eingeengte Wassermenge, die gebändigt und traurig gegen den Beton drückt.
Schaut man anderseits über den Pass in den Kanton Graubünden hinüber, erkennt man auch dort unter den steilen Abhängen ein immer junges Urgras, das wie die Jahreszeiten einem natürlichen Ablauf folgt und mit seinen Farben den Erdboden wärmt.
Beim Abstieg vom Retico (ein Name, der nie seine stolze Grösse verliert und mit seinen drei abgehackten, schallenden Silben seine eigentliche Fläche vergrössert) begegnet man nach Steinen und Felsen wieder Wiesen und Weiden, auf denen feuchte gelbe Flecken das trockene Gelb der Blumen nachahmen, und wandert über Landstreifen, die das Grün unterteilen und auseinanderhalten. Die grüne Farbe wechselt von dunkel zu hell und lässt dem unvergleichlichen Grün der Tannen- und Lärchen-wälder Platz, durch die sich das Kuhglockengeläut einen Weg suchen muss, um gehört zu werden.