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05 Sascòla


Höhe: 1321 m
Dauer: 4 Stunden




Wasser und Gras

Statt zwischen Birken und Buchen wandert man vorerst durch Lärchenwälder und gewinnt den Eindruck, dass hier oberhalb von Cevio die Vegetationsreihenfolge, aus welchem Grund auch immer, verkehrt ist. Doch weiter oben, auf den Höhen, sind die Bäume wieder in der richtigen Ordnung und folgen, vorbei an Kapellen und Steinstufen, den Erinnerungen an Zeiten voller Mühsal und Not, in denen zum Weiterleben vor allem Gottvertrauen nötig war. “Ein primitiveres Leben”, schrieb Don Martino Signorelli, “kann man sich schwerlich vorstellen; es ist nur ein klein bisschen leichter als jenes der Eingeborenen Afrikas und Ozeaniens”. Trotz dieser belastenden und erdrückenden Existenzbedingungen konnte der Lehrer Giovanni Zanini im Jahre 1871 im Tal “immerhin 111 verschieden grosse Alpweiden” zählen, auf denen “die köstliche Milch entsteht, aus der dann der gute und weitbekannte Maggiakäse hergestellt wird”.
Die damaligen Menschen waren wirkliche Meister im Bauen: die Häuser sind solid, elegant und vollkommen; kein einziger Stein steht am falschen Platz. Der krasse Unterschied zwischen dem klugen Weitblick für das Zweckmässige und Notwendige einerseits und dem aufdringlich schlechten Geschmack des Überflusses andrerseits lassen einige moderne Bauten wie eine Hautkrankheit erscheinen.
Das Rauschen des Wildbaches, der vom Sascòla herunterfliesst, kommt allmählich näher, und man möchte ihn gerne sehen, diesen “ri” mit der so ungewöhnlichen weichen und wohlklingenden Stimme. Erblickt man ihn endlich, versteht man den Grund für den reinen, melodischen Wohlklang seiner Stimme: das Wasser gleitet förmlich über einen glatten Felsen, eine nackte, lange Rinne ohne jegliches Geröll mit einer Neigung, die gerade genügt, um das Wasser darüberfliessen zu lassen. Unter dem Wasser sieht man, unverändert, die Farben des Gesteins – weiss, grau, grün, schwarz – und nur selten bei grösserer Wassertiefe gelingt es einigen Stellen, die Farben zu verbergen oder zu vermischen.
Rundherum wächst der “sédom”, der einst die Matratzen mit knisternder Frische ausstopfte. Es ist wohl ein Gras, doch scheint es aus dem Wasser zu entstehen, und es bewegt sich auch fast wie Seegras. Sich biegend, bildet es Wellen und kleine Wasserfälle, es glättet und kräuselt sich und, wie das Wasser auf dem Granit, enthüllt es neue Grüntöne zwischen den Halmen.


Das Rauschen des Wildbachs zeigt dem Wanderer den Weg, vorbei an einsamen geheimnisvollen Ställen, wo die Dachplatten hinten in den Boden wachsen, hinauf zu den seit langem verlassenen Hütten der Alp Sascòla.

Diese Zeugen sprechen von einem arbeitsamen Leben, auch wenn sie durch das lange Stehen an der Sonne stumm und mehr weiss als grau geworden sind. Ein Bergrücken trennt sie vom See und schützt sie wie eh und je, doch heute ohne Sinn und Zweck, vor den Gewittern, die sich wie dunkle Erdrutsche vom Pizzo Mezzodì herunterwälzen.
Der See ist klein, doch gerade darin liegt sein Zauber: er gleicht einer von Felsen eingefassten Perle. Das Gras verschwindet plötzlich, nur der Reflex fällt ins Wasser und der Weidegrund scheint sich in der Tiefe fortzusetzen. Die Fische schwimmen darüber hinweg, als ob sie darin Nahrung suchten. Im Wasser treiben Baumstämme: sie sehen aus wie schlafende urgeschichtliche Tiere, um die die Fische in weitem Bogen herumschwimmen. Ob sie ein blitzartiges, hungriges Erwachen dieser Stämme befürchten?
Am schönsten ist der Sascòla-See von oben betrachtet, wenn man etwa vom Alzasca-See durch die Bocchetta (Lücke) zwischen dem Pizzo Alzasca und dem Pizzo Mezzodì kommt (Der Abstieg dauert etwa zwei Stunden und ist wegen einiger schwieriger Abschnitte nur erfahrenen Berggängern zu empfehlen). Noch bevor man ihn richtig sieht, erahnt man den See wie einen Sonnentropfen jenseits der Alpenrosen, oder wie einen blauen Farbtupfer zwischen den Lärchen, oder wie eine violette Aushöhlung zwischen den Felsen, bis sich schliesslich seine vollständige Gestalt enthüllt. Man sieht die Ufer, an denen auch im Sommer Schneeflecken liegen, und dem anmutigen See einen alpinen Charakter verleihen. Der Schnee spiegelt sich im Wasser, sieht aus wie Nebel und wiegt sich leicht: er atmet unter Wasser!

Auch die Gebäude von Corte Grande, an denen man auf dem Rückweg vrobeikommt, verfallen: dort oben kennt das Wetter keine Gnade, und ein Winter wirkt wie hundert Winter. Nach einem von Lärchen umsäumten Wegabschnitt – Lärchen, die wie von Hand gemalt sind – kommt man nach La Rotonda, und man begreift sofort, dass hier, zumindest im Sommer, das Leben weitergeht. Das erfüllt einen, wie die beeindruckende Landschaft, mit grosser Freude.